Meinung: Camus-Der Fremde

Der Fremde – nach der dritten Lektüre

Es gibt Bücher, die man liest. Und es gibt Bücher, die einen lesen. Camus' "Der Fremde" gehört zur zweiten Sorte.

Beim dritten Mal fällt mir auf, wie sehr dieses schmale Buch ein Spiegel ist. Was man darin sieht, hängt davon ab, wer man gerade ist, was man fühlt, wohin der eigene Blick gerade geht. Jede Lektüre bringt andere Details nach oben.

Diesmal: die fünf Schüsse. Warum fünf? Der erste könnte noch Reflex sein – die Sonne, das Blenden, das Messer. Aber die vier weiteren treffen einen bereits leblosen Körper. "Vier kurze Schläge an das Tor des Unheils." Camus gibt keine Erklärung. Vielleicht ist die Frage selbst schon falsch gestellt. Meursault würde sie nicht stellen. Ihm wäre sie einerlei.

Einerlei – das Wort zieht sich durch alles. Heiraten? Einerlei. Paris? Einerlei. Ob er Marie liebt? Die Frage selbst ist ihm fremd.

Und dann diese Beobachtung: Die Sonne bekommt mehr Körperlichkeit, mehr sinnliche Präsenz als Marie, die Frau, die er angeblich begehrt. Wenn er über sie schreibt, reichen zwei Sätze. Wenn er über die Sonne schreibt, brennt der Text. Sie wird zur eigentlichen Antagonistin. Das sagt alles über Meursaults Verhältnis zur Welt.

Diesmal waren es aber vor allem die Nebenfiguren, die mich nicht losließen. Salamano und sein Hund. Acht Jahre schleppen sie sich durch dieselben Straßen, der Alte beschimpft das Tier, prügelt es, kann nicht ohne es sein. Sie haben dieselbe Hautkrankheit bekommen, dieselbe gebeugte Haltung. Die Grenzen zwischen ihnen sind verschwommen. Als der Hund verschwindet, weint Salamano. Man erfährt: Seine Ehe war unglücklich. Der Hund wurde zum Gefäß für alles, was er nicht leben konnte – Gewohnheit, die man Liebe nennt, weil man kein anderes Wort findet. Er transportiert seine Gefühle auf das Tier und wiederholt mit ihm das Muster seiner Ehe: den täglichen Kleinkrieg, die Abhängigkeit, die stumme Bindung.

Camus stellt die Beziehungsmodelle nebeneinander, ohne zu werten. Daneben Masson, der sagt: "Meine Frau und ich, wir verstehen uns gut." So einfach, fast verdächtig unkompliziert. Und dazwischen Meursault, der nicht reflektiert, nicht kategorisiert. Er ist einfach. Die Sonne brennt, der Schweiß läuft, der Finger krümmt sich.

Vielleicht ist das Camus' düsterer Kommentar: Wir werden dem ähnlich, woran wir uns binden – ob wir es lieben oder nur ertragen.

Die Nichtigkeit des Verbrechens

Ein Detail, das mich diesmal nicht losließ: Am Tag nach Meursaults Verhandlung wird ein Vatermord verhandelt. Der Staatsanwalt selbst erwähnt es, nennt es "das schlimmste Verbrechen", vor dem "die Phantasie zurückschreckt". Und plötzlich schrumpft Meursaults Tat zur Nebensache. Ein Mord am Strand, ein namenloser Araber, eine Handvoll Schüsse in der Mittagshitze – was ist das schon gegen einen Sohn, der den eigenen Vater erschlägt?

Camus spielt hier ein bitteres Spiel mit der Justiz. Das Gericht hat es eilig, Meursaults Fall ist "nicht der wichtigste der Periode". Das Todesurteil wird gesprochen, und am nächsten Morgen geht alles weiter, als wäre nichts geschehen. Ein anderer Angeklagter, ein anderes Verbrechen, dieselben Geschworenen, dieselbe Routine. Das Leben – und das Sterben – als bürokratischer Vorgang.

Die Sonne als Richter

Und dann Meursaults Verteidigung, sein einziger Versuch einer Erklärung: "Die Schuld an allem hätte die Sonne." Im Saal lacht man. Es klingt absurd, lächerlich, wie die Ausflucht eines Kindes. Aber vielleicht ist es die ehrlichste Aussage des ganzen Prozesses.

Denn Camus verlagert die Schuld – nicht auf einen Menschen, nicht auf ein Motiv, nicht auf eine Absicht. Die Schuld liegt bei der Welt selbst, bei ihrer gleichgültigen Mechanik, bei der Sonne, die brennt, weil sie brennt, ohne Rücksicht, ohne Sinn. Die Sonne ist in diesem Buch nicht Kulisse. Sie ist Zeuge, Beobachter und Richter zugleich. Sie war da, als Meursault seine Mutter beerdigte und ihm der Schweiß über die Stirn lief. Sie war da am Strand, als das Messer aufblitzte und das Licht wie eine Klinge in seine Augen schnitt. Sie ist die einzige Konstante, die einzige Wahrheit – und sie urteilt nicht. Sie brennt einfach.

Das ist Camus' Verspieltheit, seine philosophische Ironie: Die Menschen suchen Schuld, Motiv, Moral. Aber die Welt antwortet nicht. Sie ist da, gleichgültig, strahlend, erbarmungslos. Meursault hat nicht aus Hass getötet, nicht aus Gier, nicht aus Leidenschaft. Er hat getötet, weil die Sonne zu hell war, weil der Schweiß ihm in die Augen lief, weil sein Finger sich krümmte. Das ist keine Entschuldigung. Es ist etwas Schlimmeres: Eine Beschreibung.

Der Tod als Gleichgültigkeit

Im Gefängnis, im Angesicht der Guillotine, erreicht Meursault eine seltsame Klarheit. Er denkt über den Tod nach – nicht mit Angst, nicht mit Verzweiflung, sondern mit derselben Gleichgültigkeit, die sein ganzes Leben durchzogen hat. Was macht es schon, ob man mit dreißig oder mit siebzig stirbt? In beiden Fällen werden andere Menschen weiterleben, Tausende von Jahren, und irgendwann stirbt man eben. Der Zeitpunkt ist einerlei.

Das ist keine Resignation. Es ist eine Art Wahrheit. Meursault weigert sich, dem Tod eine Bedeutung zu geben, die das Leben nicht hatte. Wenn alles einerlei war – Paris, Marie, die Arbeit –, warum sollte ausgerechnet das Ende anders sein? Sein Blick auf die Welt wird in zwanzig Jahren kein anderer sein als jetzt. Das Todesurteil hat nichts verändert. Es hat nur beschleunigt, was ohnehin gekommen wäre.

Der Kreis schließt sich

Und dann, ganz am Ende, in der letzten Nacht, denkt Meursault an seine Mutter. Der Kreis schließt sich. Das Buch begann mit ihrem Tod, mit dem Telegramm aus dem Altersheim, mit der Beerdigung in der Hitze. Und jetzt, kurz bevor er selbst stirbt, versteht er sie zum ersten Mal.

Er begreift, warum sie am Ende ihres Lebens noch einen "Bräutigam" fand, warum sie im Altersheim wieder "Anfang" spielte. Dem Tod so nahe, hatte sie sich befreit gefühlt – befreit von der Last der Erwartungen, befreit von der Pflicht, irgendetwas zu bedeuten. Niemand hatte das Recht, sie zu beweinen. Und niemand hat das Recht, ihn zu beweinen.

In diesem Moment öffnet sich Meursault der "zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt". Er erkennt, wie ähnlich sie ihm ist, wie brüderlich. Und er fühlt, dass er glücklich war – und immer noch glücklich ist. Nicht trotz der Absurdität, sondern in ihr.

Was bleibt

Was bleibt, ist ein Buch, das sich mit jedem Lesen verändert, weil wir es sind, die sich verändert haben. Ein Buch über einen Menschen, der fremd ist – fremd der Gesellschaft, fremd den Konventionen, fremd vielleicht sich selbst. Aber im Moment des Todes wird er sich selbst zum ersten Mal nah. Die Sonne hat gerichtet. Die Welt ist gleichgültig. Und genau darin liegt, paradoxerweise, ein seltsamer Trost.

Camus' Meursault stirbt nicht als Held, nicht als Opfer, nicht als Rebell. Er stirbt als jemand, der endlich aufgehört hat, so zu tun, als hätte das alles einen Sinn. Und vielleicht ist das die radikalste Aussage von allen.

©Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten.

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.